Recherchen zum Ruesser I: Hans Häfelfinger

Recherchen zur wahren Hauptfiguer der Fasnachtsnovelle Der Ruesser.

In einer Zeitungskolumne der Basler Zeitung von 1998 (Hans Räbers „40. Hüülgschicht“ in der Basler Zeitung Nr. 50 vom 28.02.1998) findet sich ein hochinteressanter Hinweis:

Und die Gschicht – si het in de Grundziig s Schiggsaal vom namhafte Basler Dambour Hans Haefelfinger gschilderet – isch dernoo speeter underem Titel «Der Ruesser» im Buechhandel erschiine.

Diese Aussage bewog uns dazu, einige Recherchen zum „namhaften Tambouren“ Hans Häfelfinger anzustellen, um vielleicht etwas Licht in die Sache zu bringen, wieviel dieser tragisch-schönen Geschichte denn wirklich Fiktion ist.

Die erste namentliche Erwähnung von Häfelfinger fanden wir in dem von der Seibi Fasnachtsgesellschaft herausgegebenen Werk D Greenig vo de Keenig – E Ruggbligg iber 101 Johr Prysdrummle und -pfyffe, wo auf Seite 19 über das erste Preistrommeln um 1911/12 berichtet wird:

Bei den Knaben triumphierte der erst zehnjährige Hans Häfelfinger. Sein Name sollte später auf den vordersten Plätzen bei den Erwachsenen wieder auftauchen!

Solche Erwähnungen tauchen im Buch leider nicht mehr auf, dafür der Hinweis, dass Hans Häfelfinger danach lange Jahre beim Preistrommeln (zu Safran) in der Tambourjury war. Dies finden wir bestätigt auf Seite 196 des bekannten 432-seitigen Epos von Eugen A. Meier Die Basler Fasnacht – Geschichte und Gegenwart einer lebendigen Tradition. Dort schreibt Carl Miville über das 1930 zusammengelegte grosse Preis-Trommeln und -Pfeifen im Restaurant Safran Zunft, wo er Häfelfinger und Bolo quasi in einem Atemzug nennt:

Als Jury wirkten die besten Basler Trommler jener Epoche, nämlich Dr. (Fritz) Berger [Anm. der Redaktion: Hat die berühmte Berger-Notenschrift für Trommler erfunden], Häfelfinger und Baumgartner.

Nun war die neue Form gefunden. Über das Preistrommeln und Preispfeifen 1932 – wiederum in der «Saffre» – äusserte sich Bolo Mäglin trotz „glänzendem Verlauf“ unzufrieden, weil zuviel Wert auf die schulmässige «Neue Basler Tagwache» sowie auf zu schnelles und artistisches Trommeln gelegt worden sei.

Diese Kritik von Bolo, damals einer der wohl einflussreichsten Rezensenten der Basler Fasnachtsszene, dürfte u.A. direkt Häfelfinger gegolten haben. Denn er war gemäss allem, was wir von ihm wissen, ganz vorne mit dabei in der avantgardistischen Neuorientierung des Trommelwesens der 30er Jahren. Dies zeigt beispielsweise eine 1995 von Bernhard (Beery) Batschelet anlässlich des 100-jährigen Cliquenjubiläums der Breo-Clique zusammengestellte Dreifach-CD, welche zwei von Häfelfinger gespielte Märsche enthält (jeweils mit einer Ansage von Bernhard Baumgartner als Sprecher). Auf CD 1 ist dies das das Märmeli (Track Nr. 38).

 

 

Dazu steht im beiliegenden Booklet Folgendes:

Wir hören hier ein historisches Dokument aus dem Jahre 1930. Es trommelt der legendäre Hans Häfelfinger, der damalige Trommelchef des CCB (Central Club Basel). Häfelfinger war bekannt als der beste und schnellste Trommler aller Zeiten. Er trommelte mit seinen kurzen Schlegeln auf einem Fell, das er zuvor wie ein Brett gespannt hatte.

Andreas Gerber, dem Produzenten der genannten Breo-Jubiläums-CD, war bezüglich Tempo noch folgende Information zu entlocken:

Es ist belegt, dass Häfelfinger im Tempo 125 sogar die Retraite noch sauber trommeln konnte.

Auf CD 2 finden wir dann auch mit dem Track Nr. 32 die Retraite Diable, eine von Häfelfinger umgebaute Version des klassischen Retraite-Marsches, mit dem Booklet-Kommentar:

Besonders virtuose Retraite-Variation, ursprünglich von Hans Häfelfinger.

 

 

Häfelfinger hat neben Variationen wie der Retraite Diable aber auch einen eigenen, heute sehr bekannten Trommelmarsch komponiert, wie in Die Basler Fasnacht – Geschichte und Gegenwart einer lebendigen Tradition, 1985 auf Seite 174 von Urs Ramseyer erwähnt: den schnellen und äusserst  virtuosen Pumperniggel:

Mit seinem Lehrgang hatte Fritz Berger die Grundlagen des Basler Trommelns neu zusammengestellt. Sie hatten ihre praktische Anwendung bereits in den «Mätzli», im «Winzer» von Joseph Wintzer, im «Pumperniggel» von Hans Haefelfinger, sowie in Bergers eigenen Märschen «Lälli» und «Falkenberger» gefunden, die sich alle durch ein verstärktes Spiel mit der Rhythmik, durch verschiedene Rufbindungen und dadurch bedingte Synkopierungen, durch zahlreiche Endstreichvariationen sowie Kombinationen aus Mühlerad- und bataflafla-Streichen auszeichneten.

Diesen Quellen ist zusammenfassend zu entnehmen: Häfelfinger war ein grossartiger Trommel-Avantgardist, welcher der Trommelschule der damaligen Zeit zusammen mit einigen anderen Pionieren (allen voran «Drummeldoggter» Berger) seinen neuen rhythmischen Stempel aufdrückte. Wie von Bolo angeprangert mit stark erhöhtem Tempo und einer Extraportion Artistik.

Dennoch wissen wir recht wenig über sein Leben und das im obigen BaZ-Artikel erwähnte Schicksal, welches er mit dem fiktiven Charakter in Der Ruesser geteilt haben soll.

Vom CCB, einer alten Basler Clique, bei der Häfelfinger 1923/24 als Trommelchef beim Stamm fungierte, bekamen wir deren Cliquenchroniken zugespielt (grossen Dank an D. Bollinger), welche weitere Infos und Anekdoten über Häfelfinger ans Tageslicht brachten.

Aus der ersten CCB-Chronik „75 Johr CCB – 1911-1986“ (Seite 12):

Die Tambouren trommelten sich im traditionellen Stil durch die Anfangsjahre, bis im April 1923 mit der Verpflichtung Hans Häfelfingers eine Wende in der Trommelinstruktion eintrat. Dieser hochbegabte und musikalische Tambour brachte seinen Schützlingen im CCB eine neuartige Schlagtechnik bei, die mit der Zeit die CCB-Tambouren weit über das bisherige Mittelmass zur Spitze der Trommelkunst emporhob. Häfelfingers einzige Komposition, die „Pumperniggel“, wurde 1925 mit grossem Erfolg aufgeführt.

Eine Stammtisch-Anekdote aus den frühen CCB-Jahren aus derselben Chronik (Seite 13):

Einmal bot sich dem CCB die Gelegenheit, berühmt und gleichzeitig aller Geldsorgen ledig zu werden. Damals, als nämlich der König von Afghanistan, Shah Amanoulla, in Basel weilte und man den hohen Herrn zwecks gepflegter Unterhaltung nichts Geringeres als ein paar Märsche, dargeboten vom CCB, organisierte. Der CCB eilte, gab sein Bestes, die Tambouren zeigten, was sie unter der Obhut ihres Hans Häfelfinger gelernt hatten, und seine Exzellenz war ganz weg! In seiner königlichen Begeisterung entschädigte er den CCB mit einem Säcklein Gold und heuerte Hans Häfelfinger, Schaggi Rudin und zwei weitere gute Tambouren als Instruktoren seiner Gardentambouren in Kabul an. Die Gage war traumhaft, die Ehre gross und die Veträge bald unterschrieben. Jedermann im CCB war stolz und der Jubel gross. Dann kam die kalte Dusche: das Politische Department in Bern riet den vier königlichen Instruktoren zum Verzicht, weil die Schweiz in Kabul keine diplomatische Vetrtretung unterhielt und weil ihm die Angelegenheit ganz unsicher schien. Und so verzochteten die vier enttäuscht, aber man tröstete sich damit, dass man mit dem Gold wenigstens die stets schwindsüchtige Kasse saniert hatte. Wie gross muss der Ärger gewesen sein, als man bemerkte, dass der Kassier sich mittlerweile mit der königlichen Gage aus dem Staub gemacht hatte. Ein einziger Trost blieb, dass auch bald darauf der afghanische Monarch gestürzt wurde. Grund: er habe zuviel westliche Kultur in sein Land gebracht!

Welch ein dramatisch-humoristisches Stück Weltpolitik!

Doch zurück zum Pumperniggel. Diesem Marsch sind in einer zweiten Chronik „100 Joor Central Club Basel“ zwei ganze Seiten gewidmet (S. 18 + 19), welche von Werner Haerdi für die CCB-Zeitung von 1975 aus dessen Erinnerung verfasst worden waren. Die Geschichte beginnt mit den folgenden bezeichnenden Worten:

Nach der Fasnacht 1924 war böse Stimmung im CCB. Es kam zur Spaltung (Bajazzo-Clique). Wer beim CCB blieb, war auch unser Trommelinstruktor Hans Häfelfinger, um den uns alle Gliggen beneideten. Im Verlauf des Jahres erklärte er uns, dass er einen neuen Marsch komponiere.

Die ganze Geschichte des Pumperniggel gibt es hier:

Die Geschichte des Pumperniggel

 

An eine etwas persönlichere und unrühmlichere Episode in Häfelfingers Fasnachtskarriere erinnert sich W. Nagel, Fasnachtsveteran und langjähriger Tambour beim CCB, der dort gut 30 Jahre nach Häfelfinger ebenfalls als Trommelchef agierte:

Mit etwa 40 Jahren gab sich Häfelfinger an der Fasnacht plötzlich mit einer anderen Gruppe ab, zu der er eigentlich nicht recht passte. Hier im CCB war er immer fröhlich und gut aufgenommen, dort herrschte eine komische, fast sektiererische Stimmung. Ohne ersichtlichen Grund gab er dann plötzlich seinen Austritt aus dem CCB bekannt und zog nur noch mit jener Gruppe herum. Wir vom CCB verloren ihn danach für immer aus den Augen.

Via Christoph Manasse, Leiter des Planarchivs und Clique-Archivar der ARI-Clique, konnten wir die archivierten Fakten um das traurige Ende des Ruesser-Kandidaten Hans Häfelfinger ermitteln:

Häfelfinger, Hans Achilles, geboren in Basel am 30.4.1901, verstorben am 19. Oktober 1934 in Blauen (Kanton Bern / heute: Kanton Baselland). Häfelfinger hatte das Basler Bürgerrecht und war Gärtner und Inhaber eines Gartengeschäftes. Im chronologischen Beerdigungs-, Bestattungs- und Sterberegister (Archivsignatur JD-REG 6d 1-1 (1) ) wird als Todesursache Selbstmord durch Kopfschussverletzung angegeben. Häfelfinger wurde am 23. Oktober 1934 kremiert, und seine Urne wurde am 24. Oktober auf dem Gottesacker Wolf (Sekt. 18 / Nr. 8) bestattet.

Häfelfinger war seit dem 15. Januar 1932 mit Anna Elsa Benker verheiratet. Das Ehepaar hatte keine Kinder.

Selbstmord durch Kopfschuss also … dieses dramatische Ende bestätigte uns ebenfalls Andreas Gramm, Trommelinstruktor und Mitglied der Lälli-Clique und letzter Schüler von „Bohne“ Hans Panosetti, welcher selbst Mitbegründer von den Cliquen „Alti Stainlemer“ und „Seibi“ und Trommelinstruktor im CCB war. „Bohne“ Panosetti galt als der letzte Trommelschüler von Hans Häfelfinger.

Dr Hans Häfelfinger isch eine vo de 4 Gründer vo dr Lälli-Clique 1902 mit em Fritz Berger, Karl Dischler und Hans Wullschleger gsi.

Är isch für sich dr allerbeschti Drummler gsi – mit Abschtand nur är – in dääre Fruscht isch er uff e Friedhof gange und hett für sich sälber nomol Drummlet und denn si Lääbe gno – är hett sich erschosse!!!

Ebenfalls konnte uns Andi Gramm das einzige Foto von Hans Häfelfinger (1931) aus der 75-Jahre-ARI-Chronik (1926-2001) auftreiben:

Hans Häfelfinger im Ari Keller
Einweihung des ARI „Begglisaals“ 1931. Gemäss (unvollständiger) Beschreibung müsste Häfelfinger unten rechts zu sehen sein.

 

Einen richtig tiefen Einblick in das schicksalshafte Leben des legendären „besten Basler Trommlers aller Zeiten“ vermögen uns diese Informationen nicht zu geben. Mit diesen Informationen kommen wir nun also zurück zum Bezug zur Novelle. Da Bolo 1918 als aktiver Tambour selbt bei den Alten Stainlemer trommelte, dürfte er spätestens via Panossetti Hans Häfelfinger durchaus gekannt haben. Damals war der Fasnachtsfilz ja auch noch deutlich kleiner, aber dafür dicker als heute. Und das Finale des Ruessers liesse sich relativ leicht auf das „abrupte Ende“ übertragen, welches Häfelfinger am Ende ereilte. So hadert auch der fiktive Charakter der Novelle mit seinem Leben, wendet sich abrupt von seiner geliebten Clique, der Fasnacht, ja gar seiner Heimat ab und lässt seine Freunde und Bekannten in grosser Ratlosigkeit zurück. Auswandern oder Tod. In der Lyrik liesse sich das eine leicht als stilistische Transformation interpretieren.

Dennoch hat sich diese Interpretation als Irrweg erwiesen, da mittlerweile der „echte Ruesser“ in der Person des Arnold „Noldi“ Ringli ermittelt werden konnte. Mehr dazu im Artikel zu Der Ruesser. Immerhin muss man hinzufügen, dass erst die Suche nach Hans Häfelfinger zur Spur des Noldi Ringli geführt hat.

Dafür ein posthumes „Danggscheen Hans“!