Ach was sind wir dumme Leute …

Ach was sind wir dumme Leute –
Wir geniessen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
Ist ein Hasten, ist ein Streben,
Ist ein Bangen, ist ein Sorgen –
Heute denkt man schon an morgen,
Morgen an die spätere Zeit –
Und kein Mensch geniesst das Heut’.
Auf des Lebens Stufenleiter
Eilt man weiter, immer weiter .

Ja, wir leben zu geschwind heut’ –
Gar zu schnell entflieht die Kindheit –
Schon der Knabe in der Schule
Sitzt nervös auf seinem Stuhle –
Von der Fibel wird ihm übel –
Nur mit Sträuben lernt er schreiben
Und am liebsten möcht’ er raus
Aus dem schönen Elternhaus,
Denn er glaubt, er sei gescheiter :
Immer weiter, immer weiter.

Kommt er später in die Lehre,
Denkt die halberwachsene Göhre :
Wenn ich nur erst grösser wäre,
Als Soldat beim Militäre.
Aber ist er dann Rekrute
Ei, wie wird ihm da zumute –
Ja, dann singt er andre Lieder :
„Nach der Heimat möcht’ ich wieder !“
Wär’ ich nur mal erst Gefreiter
Und dann weiter, immer weiter – – –

Kommt vom Militär er eben,
Denkt er schon ans Eheleben.
Ja, in einem Tanzlokale
Sieht er sie zum ersten Male –
Und am Abend bringt er ’s Liebchen
Schon nach Haus bis vor ihr Stübchen.
Hold errötend sagt die Maid :
„Junger Mann, Sie gehen zu weit !“

Doch trotzdem geht der Begleiter
Immer weiter, immer weiter . – – –

Er, noch ganz erhitzt vom Tanze,
Sagt zu ihr : “Ich geh’ auf ’s Ganze !“
Immer näher kommt zur Maid er –
Sie rückt weiter, immer weiter.
„ Komm“, sagt er, ’s ist nicht gefährlich,
Wirst mein Weibchen brav und ehrlich,
In sechs Wochen bist Du mein !“
Und er küsst das Mägdelein.
Und nun sagt sie froh und heiter :
„ Küsse weiter, immer weiter !“

Ja, nun zählt er die Sekunden,
Bis man ihn mit ihr verbunden.
Ist das nicht ein toller Einfall ?
’s hat doch Zeit mit solchem Reinfall !
Er nimmt die geknickte Lilie.
Bald vermehrt sich die Familie,
Und nach kurzem hat er schon
Auf dem Schoss den ersten Sohn.
Erst kommt einer, dann ein zweiter –
Und so weiter, immer weiter. – – –

Nun beginnt erst recht das Plagen !
Oft hört man die Eltern sagen :
„ Wenn wir nur die Sorgen los sind –
Wenn die Kinder nur erst gross sind –
Dann strahlt uns der Himmel heiter !“
Und sie schaffen immer weiter,
Lassen blind beim Vorwärtsgehn
Ihres Lebens Rosen stehn,
Suchen Tausendguldenkräuter
Immer weiter, immer weiter.

So entflieht die Zeit wie ’n Traum
Und die Eltern merkens kaum – –
Erst verheirat’n sie ’s Mariechen,
Dann verlob’n sie ihr Sophiechen,
Dann kommt Walter zur Marine,
Dann lernt Englisch die Pauline –
Dann macht Wilhelm sein Examen –

Dann komm’n noch zwei junge Damen,
Eine sechzehn, eine vierzehn,
Das kost’t Kleider, Hüte, Schürzen,
Um die richtig auszustatten
Für den künftgen Herrn und Gatten.
Niemals weiss man, wie man dran ist,
Nie gibt ’s Ruhe, nie gibt ’s Frieden –
Wenn die Eine an den Mann ist,
Ist die Andre schon geschieden.
Wenn die Jüngste noch zu haben,
Hat die Ält’ste schon ’nen Knaben,
Erst kommt einer, dann ein zweiter,
Und so weiter, immer weiter . – – –

Sehn Sie : So entfliehn die Jahre.
Grosspapa hat weisse Haare,
Und der Mondschein zieht sich breiter
Immer weiter, immer weiter – – –
Und er seufzt : „ Wie schön der Mai ist,
Sieht man erst, wenn er vorbei ist !
Ach, wir waren blind !“ So klagt er,
Und zu seinem Enkel sagt er :
„Nütz’ den Frühling Deines Lebens,
Leb im Sommer nicht vergebens,
Denn gar bald stehst Du im Herbste,
Bis der Winter naht – dann sterbst De –
Und die Welt geht trotzdem heiter
Immer weiter, immer weiter – – -.“