Gemeinnutz geht vor Eigennutz

Erstmals schien die Sonne an einem Regensommertag,
Weshalb ich im Freien träumend hinter einem Glas Burgunder lag.
Das heisst: „Lag“ ist natürlich dichterisch übertrieben –
Ich bin schön sittsam sitzen geblieben.
Aber ich räkelte mich richtig faul und beschaulich
Und sprach – für mich! – zur Sonne: „Nun, bitte – streng vertraulich:
Wieso kostet Burgunder pro Fass soviel Zoll,
Dass er teurer wird? Und du kostest keinen? Jawoll.
Obwohl Du deinem Durstigen nie den Gaumen benetzt?“

— da hat sich ganz leise ein Bienlein auf das Tischtuch gesetzt.
Es flog schon recht mühsam – es war honigbeladen:
Es zitterte auf seinen zierlichen Waden
Und wollte wohl lediglich ruhn.

Da roch es etwas sehr Süsses. Was sollte es tun?
Bienen sind nun einmal so geartet –
Das Bienlein hat auch nicht lange gewartet:
Flugs begann es zu saugen. Lange hab ich’s gesehn.
Es mochte beinah eine ganze Stunde vergehn –
So lange hat das Geschöpflein Gottes unverdrossen
(Nicht für sich: Für sein Volk!) von dem Süssen genossen.
Bis ich wusste, als es schwerfällig ging: Es verdarb!
Es konnte nicht mehr weit fliegen – es starb:
Es wurde zur Heimkehr zu schwer.

Darin unterscheidet sich die Biene vom Millionär:

Der wird nie zu schwer!
Und der wird nie zu satt.
Und wenn er hundert Millionen hat!

Dabei hatte das Bienlein ausschliesslich für sein Volk geschafft –
Aber was versteht eine Biene von der Volkswirtschaft!


Veröffentlicht am 12. August 1936.

Unterhalb des Originalmanuskripts befindet sich folgende Notiz:

Conférence der Vortragskünstlerin: „Zuerst etwas Harmloses!“ (folgt Gemeinnutz geht vor Eigennutz.)
„Und jetzt etwas wirklich Harmloses!“
(folgt Logik.)
„Und jetzt etwas Harmloses für Harmlose!“ (folgt Die einsame Himbeere.)

Die drei Dinge sollen unter dem Titel „Drei Minuten für Harmlose“ gegeben werden.