Kleines Bekenntnis

Fremdsprachen lern ich aus Prinzip in fremden Landen –
So schätzt man Land und Volk viel besser, echter ein –
Fremdsprachen binden uns mit unsichtbaren Banden
Ans fremde Land . . . da fühlt man sich in viel hinein !
Als Mann vom Film bin ich in aller Welt gewesen _
Ich spreche prima „fiche moi“ und „How do you do“ –
Ich kann „Edamisch“ und „Spaghettolinisch“ lesen –
Hunyadi-Janos leg’ ich fliessend hin im Nu !

Ich hielt mich für ein Sprachgenie,
Das war für mich voll Reiz ;
Doch dass ich bloss ein Stümper bin,
Das lernt’ ich in der Schweiz :

Denn z’ Bärn, da bisch e Stürmihung
Und z’ Züri bisch e Löli.
In z’ Basel bisch e Dubel und
En tumme Chätzer z’ Möhli –

Ach Gott, wie haimelig, wie schön –
Wenn ich ’s nur richtig könnt’ verstehn –
Ob ich ’s wohl je erlerne ?

Sitz ich im Restaurant, so ärgert ’s mich millionisch,
Dass ich fast alles, was ich höre, nicht versteh’ –
Der Sprachenwirrwar dünkt mich manchmal babylonisch,
Und doch klingt ’s schön, c’ est sûr, sicuro, jo persee !
Oh, könnt ich auf „Romauntsch“ mir Bündnerfleich bestellen
Und Salametti in der Sprache des Ticing’
Schabziger hab’ ich appezellisch bstellen wellen –
Doch soviel Sprachen wollen nicht in meinen Gring !

Warum bin ich kein Sprachgenie ?
Das wär für mich voll Reiz !
Doch dass ich bloss ein Stümper bin,
Das lernt’ ich in der Schweiz :

Ach Gott, wie haimelig, wie schön –
Wenn ich ’s nur richtig könnt’ verstehn –
Ob ich ’s wohl je erlerne ?

Am meisten fühl’ ich diesen Mangel in der Liebe !
Möchte ich vor Glücksgefühl auch manchmal fast vergehn –
Was nützen mir am End’ die süssesten der Triebe,
Wenn d’ „Chatz“ und „’s Häsli“ oder „’s Meitschi“ nichts verstehn ?
Ob reich dies Land auch ist an prächtiger Folklore –
Die vielen Sprachen machen stets das Herz mir schwer !
So steh’ ich da, verliebt, cattivo dell’ amore,
Und möchte jeder sagen : „Härzigs !“ „Liebs !“ „Ma Chère !“

Warum bin ich kein Sprachgenie ?
Das wär für mich voll Reiz !
Doch dass ich bloss ein Stümper bin,
Das lernt’ ich in der Schweiz :

Ach Gott, wie haimelig, wie schön –
Wenn ich ’s nur richtig könnt’ verstehn –
Ob ich ’s wohl je erlerne ?

Da Capo-Strophe :

Doch eine Sprache spricht die Schweiz, die ist voll Singen,
Die geht zu Herzen jedem, dem ein Herz noch schlägt –
Im Sommer 39 hörte ich sie klingen
Die Sprache, die hier niemand auf den Lippen trägt :
Als ich die „Landi“ sah, da ist sie mir erklungen,
Und auf dem Höhenweg blieb ich ergriffen stehn :
Zu tausend Völkern sprach dies Volk in tausend Zungen,
Und doch war ’s eine Sprache, unvergleichlich schön :

Da brauchte es kein Sprachgenie –
Das war ihr tiefster Reiz :
Dass jeder fühlte : Ja – hier spricht
Europa ’s Herz – Die Schweiz !

Gilt ych o z’ Bärn als Stürmihung
Und z’ Züri als en Löli.
In Basel als e Dubel und
Als tumme Chätzer z’ Möhli –
Seit ich die Landi hab gesehn,
Weiss ich : Ich kann die Schweiz verstehn –
Ich liebe sie – und lerne !


Text zur „Landi 39“ (Schweizerische Landesausstellung von 1939)

Landi 39