Der Ruesser

Auch: Der Rueßer
Eine (Basler) Fasnachtsnovelle über einen fanatischen Basler Trommler, der sich zwischen der Liebe zu einer Frau und der Liebe zur Fasnacht entscheiden muss.

Geschrieben 1957 von Rudolph Bolo Mäglin.
Produziert vom Buchverlag Basler Zeitung.
Im Wettbewerb des Staatlichen Literaturkredits Basel-Stadt preisgekrönt.

Preisgekrönt und doch eine ernüchternde Erfolgsgeschichte

Im Jahr 1957 veranstaltete eine Kommission des Staatlichen Literaturkredits Basel-Stadt einen Wettbewerb für eine Fasnachtsnovelle. Bolo verpasste den ersten Termin und es kam „Mangels Eingangs qualitativ befriedigender Arbeiten“ zu einer zweiten Ausschreibung. Man kontaktierte Bolo persönlich und bat ihn, sich doch dieses Mal bitte auch mit einer Geschichte zu beteiligen. Für den ersten Preis lockte ein Preisgeld von 5’000.- Franken, für den zweiten noch 2’000.-.

Bolo schrieb „Der Clown und die Pierrette“ (der erste Arbeitstitel, der erst in der späteren Buchveröffentlichung zu „Der Ruesser“ wurde) und wartete gespannt auf das Verdikt der Jury. Diese meldete sich ein paar Wochen nach Ablauf der Eingabefrist und gratulierte ihm „zur besten Arbeit“ (nicht „zum ersten Preis“!). Allerdings entspreche auch diese Novelle, so die Erklärung, nicht vollumfänglich den Ansprüchen der Jury. Man habe sich deshalb entschlossen, auf die Vergabe eines ersten Preises zu verzichten und „Der Clown und die Pierrette“ lediglich als „preisgekrönte Arbeit“ zu taxieren. Mit diesem Kartenspielertrick löste sich natürlich auch das in Aussicht gestellte Honorar für den ersten Preis in Luft auf respektive verliess gar nicht erst den Geldbeutel des Literaturkredits. Im Abspann des von der Druckerei Nationalzeitung in zwei Auflagen gedruckten Büchleins steht dann auch nur lapidar zu lesen:

Preisgekrönt

Dieser (auf gut Baseldeutsch) „Bschiss“ traf Bolo derart, dass er danach nie wieder an einem Wettbewerb irgendeiner literarischen Organisation teilnahm.

Das Manuskript

Das Original-Manuskript des damals eingereichten „Der Clown und die Pierrette“ wurde glücklicherweise aufbewahrt und ist ebenfalls bei e-manuscripta.ch verfügbar (besten Dank an die Universität Basel).

Der Clown und die Pierrette-ohne Rückseiten

Die Bücher

Das Buch gibt es in drei Versionen resp. zwei offiziellen Auflagen.

1. Auflage 1957: Privatdruck der Buchdruckerei National-Zeitung

Druck: Buchdruckerei National-Zeitung
1000 nummerierte Exemplare
Mit Illustrationen von Max Kämpf (eine vollständige Bildergallerie folgt unten)
Mit einer handgeschriebenen Widmung in Gedichtform von Bolo an seinen Sohn Urs Beat.

Ruesser Erstauflage

Ausgabe Erstauflage

1. Auflage 1959: Nachdruck im Selbstverlag

Druck: Buchdruckerei National-Zeitung
Anzahl Exemplare unbekannt
Ohne Illustrationen

Ruesser Selbstverlag

2. Auflage 1985 + 1995: Neudruck unter dem Buchverlag Basler Zeitung

ISBN: 3 85815 114 9
Druck: Buchdruckerei National-Zeitung
Mit Illustrationen von Max Kämpf (dieselben wie in der Erstauflage)
Mit einem Vorwort von Heinrich Kuhn

Ruesser Zweitauflage

Gleich in den ersten Sätzen des Vorworts der 2. Auflage des Ruessers beschreibt Heinrich Kuhn, wie es zu ebendieser Zweitauflage gekommen war:

In der von der National-Zeitung, dann von der Basler Zeitung herausgegebenen Reihe der Neujahrsbüchlein erschien im Dezember 1957 die Fasnachtsnovelle «dr Rueßer» zum ersten Mal als Privatdruck. Wenn der Buchverlag der Basler Zeitung sich nun entschlossen hat, diese Geschichte neu zu drucken, so geschieht es aus der Erkenntnis, dass es sich hier um ein besonders wertvolles und originelles Zeugnis baslerischen Schrifttums handelt, das es verdient, der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu sein.

Das Hörbuch

Als Hörbuch wurde der Ruesser später, vorgelesen von Ruedi Walter, von Hanspeter Mäglin (HM-Produktion) in Ettingen im Auftrag der Sans Gêne Clique vertont. Abgesehen von einigen Dutzend Exemplaren auf Kassette, welche am offiziellen Preistrommeln von 1976 an die Teilnehmer als Bhaltis verteilt wurden, sowie einigen Vorführungen im damaligen Radio Beromünster, blieb dieses Hörbuch jedoch unveröffentlicht.

Bolo und die Fasnacht

Bolos Affinität zur Fasnacht war nicht von ungefähr. Im Vorwort der zweiten Auflage des Ruessers weiss Heinrich Kuhn über Bolo zu berichten:

[…] In seiner hintergründigen Novelle erzählt Bolo von einem fasnachtsbesessenen Basler Original. Er selbst war ein solches, mit seinem Basel verwachsenes Original, das um die Geheimnisse und Seltsamkeiten der alten Rheinstadt wusste. Diesem Wissen verstand Bolo Ausdruck zu geben im Ruesser und in vielen Mundartgedichten […]. […] Artisten und Kabarettisten, das war seine Welt. die Basler Fasnacht aber war seine Hauptspezialität. […] Dass er die Trommel- und Piccolomärsche nicht nur kannte, sondern auch selbst die Kunst des Trommelns und des Pfeifens übte, machte ihn zum kompetenten Rezensenten u.a. des Monster im Küchlin.

Eine interessante Anmerkung zu Handen der Jury des Literaturkredits Basel-Stadt zur Schreibweise der baseldeutschen Textstellen des Ruessers liefert Bolo auf der ersten Seite des Original-Manuskripts:

Dalbaneesisch

Hier ging es keineswegs darum, dass Bolo sich gegenüber des elitären „Dalbaneesisch“, einer Variante des Baseldeutsch, wie es in dem reichen St. Alban-Quartier von den „Dalbaneesen“ respektive dem „Basler Daig“ gesprochen wurde, abschätzig zeigen wollte. Es ging darum zu unterstreichen, dass die Fasnachtscliquen-Sprache, die in dieser Fasnachtsnovelle eine zentrale Rolle einnimmt, eben nicht jenes gesittete Baseldeutsch war, welches man in vornehmen Kreisen gerne pflegte, sondern eher die rauhe Gossensprache der Arbeiterquartiere, aus welchen die Basler Fasnacht, wie wir sie heute kennen, hervorgegangen war. Eine Gossensprache also, welche die Basler Fasnächtler heute noch mit grosser Hingabe kultivieren an ihren „Drey scheenschte Dääg“.

Als geringschätzig kann man seine Haltung gegenüber dem Dialekt des St. Albaner Adels (oder ‚Dalbe-Daig‘) nicht bezeichnen, wie er in seinem Gedicht Adie Dalbe zum Ausdruck bringt, in dem er den Einfluss der ‚Grällelisprooch‘ der Dalbaneesen auf den baseldeutschen Dialekt würdigt:

Und was mer doo au no erwähne wänn:
Wie si s gmain Baseldytsch verfyneret hänn,
Das hett is in der Schwyz vyl Gspett ytrait;
Mer hänns verlide … und mer bhaltes zlaid,
Wenn au nid s spitzig … s wird uff uns akoo,
Dass s Baseldytsch niemools darf undergoh
Wie d Dalbe als – Begriff!

[…]

Fir Basel isch der Ändeffäggt e beese:
Mir hänn e Dalbe … ohni Dalbaneese!

Dr Dalbe-‚Daig‘ isch furt – haig en, wär haig –
Jetz wohnt dert Allergattigsknepflidaig!
Und wenn de in der Gellert-Geeged stoosch
Und wartsch uff d Grällelisprooch – dernoo vergoosch
Vor Mordentdyschig … waisch nimm, woo de bisch!
Und hersch das gopfergässe Sproochegmisch,
Ziehsch s Gnigg y, laufsch, ass wiene gschlagene Hund
Und dänggsch … an d Dalbezyt … wo niemeh kunnt!

Der legendäre Ruesser – Ein Mythos oder gab es ihn wirklich?

In einer Zeitungskolumne der Basler Zeitung von 1998 (Hans Räbers „40. Hüülgschicht“ in der Basler Zeitung Nr. 50 vom 28.02.1998) findet sich ein hochinteressanter Hinweis:

Und die Gschicht – si het in de Grundziig s Schiggsaal vom namhafte Basler Dambour Hans Haefelfinger gschilderet – isch dernoo speeter underem Titel «Der Ruesser» im Buechhandel erschiine.

Diese Aussage bewog uns dazu, einige Recherchen zum „namhaften Tambouren“ Hans Häfelfinger anzustellen, um vielleicht etwas Licht in die Sache zu bringen, wieviel dieser tragisch-schönen Geschichte denn wirklich Fiktion ist.

Leute, die Häfelfinger persönlich kannten, sind heute natürlich dünn gesät. So weilt zum Beispiel Hans Räber nicht mehr unter uns. Dennoch geistert dieser Name heute noch in diversen Quellen herum und ist Altfasnächtlern durchaus ein Begriff.

Die erste namentliche Erwähnung Häfelfingers fanden wir in dem von der Seibi Fasnachtsgesellschaft herausgegebenen Werk D Greenig vo de Keenig – E Ruggbligg iber 101 Johr Prysdrummle und -pfyffe, wo auf Seite 19 über das erste Preistrommeln um 1911/12 berichtet wird:

Bei den Knaben triumphierte der erst zehnjährige Hans Häfelfinger. Sein Name sollte später auf den vordersten Plätzen bei den Erwachsenen wieder auftauchen!

Dies tat er auch tatsächlich. Ebenfalls erschien er später in der Jury neben Grössen wie Dr. Fritz „Frutz“ Berger (dem Erfinder der Berger-Notenschrift) oder „Bolle“ Baumgartner:

häfelfinger diplom
Die Unterschrift Häfelfingers in der Mitte.

 

In D Greenig vo de Keenig springt ein Eintrag von 1976 noch mehr ins Auge als alle Erwähnungen des „potentiellen Ruessers“ Hans Häfelfinger kumuliert:

Noldi Ringli-Erwähnung in "D' Greening vo de Keenig"

Ein neuer Verdächtiger für die Ruesser-Ermittlungen! Nun verlief die Ruesser-Recherche also plötzlich zweigleisig.
(Hinweis: Die ebenfalls sehr spannende Recherche zu Hans Häfelfinger, welche sich am Ende als Sackgasse entpuppte, wurde in einen separaten Artikel ausgelagert.)

Via BMG konnten zwei Nachfahren von Arnold „Noldi“ Ringli ermittelt werden, welche heute beide noch in dieser Fasnachtsclique aktiv mitwirken. Noldis Urgrossneffe Reto Ringli konnte uns das Foto einer Notiz liefern, welche ihm sein Grossvater Ernst Heinrich Ringli (Neffe des Noldi Ringli) 1965 in einer Ausgabe des Ruessers hinterlassen hatte:

Notiz im Ruesser von Ernst Heinrich Ringli (Neffe von Noldi)

Gestorben in Bogotá, Kolumbien – dies konnte keine zufällige Parallele sein – wandert doch der Held der Novelle am Schluss nach Lateinamerika aus..

Ein weiteres Gespräch mit Retos Vater Ruedi Ringli, Noldis Grossneffe, der Noldis Schwester Juliette Ringli noch persönlich kannte, bestätigte uns dann vollends:

D‘ Juliette hett immer gseit, är heig e Gschleiff gha mit ere Serviertochter, wo-n-er nochhär nid griegt hett und denn ischer eines Tages eifach nach Kolumbie verschwunde.

Und dernooch, wenn eine unglaublig guet drummlet hett an dr Fasnacht, hänn si immer gseit: Dr Ruesser isch wider do!

Um die Sache mit dem „Ende in Kolumbien“ faktisch wasserdicht zu machen, haben wir Christoph Manasse, Leiter des Plan-Archivs (Teil des Staatsarchivs Basel-Stadt) und Aktuar der ARI-Clique, zugezogen, der uns bestätigte:

Arnold Karl Ringli wurde am 4.4.1890 als Sohn von Maria Anna Ringli-Wittmer (1849-21.12.1922) und Heinrich Ringli (1850-22.11.1912) geboren. 1921 wanderte er nach Paris aus. Er blieb zeitlebens ledig und verstarb am 11.5.1958 in Bogota.

Verwendete Quellen:
– PD-REG 14a 12-3: Bürgerkontrolle (1895-1920), Nr. 24164
– PD-REG 14a 12-4: Bürgerkontrolle (1920-1974), Nr. 24164
– PD-REG 14a 8-3: Niederlassungskontrolle Schweizer (1877-1892), Nr. 7543
– PD-REG 14a 8-5: Niederlassungskontrolle Schweizer (1892-1936), Nr. 7543

Eine beinahe ironische Situation ist, dass Ruedi und sein Vater Ernst Heinrich Ringli, welcher selbst kein Fasnächtler war, erst durch die im Buch D Greenig vo de Keenig erwähnte Tonaufnahme des Ruessers mit Ruedi Walter von der Existenz dieser Novelle über ihren Vorfahre erfahren hatten.

Mir sin dött am Fasnachtsmändig us de Ferie zruggkoh, wüll’s gsaicht hett. Und sin hei und, wie me ’s domols amme so gmacht hett, alli vore Radio ghoggt. Und denn verzellt dött eine vo dere Novälle und denn seit dr Vatter: Hey, dasch dr Noldi! Die verzelle vom Noldi!

Die Hörbuchaufnahme zum Ruesser war 1976 von der Sans Gêne Clique (*1922) in Zusammenarbeit mit Ruedi Walter und der HM-Produktion, einem kleinen Tonstudio in Therwil (Inhaber Hans-Peter Mäglin, Neffe von Bolo) entstanden. Sie war beim Preistrommeln desselben Jahres, wie oben erwähnt, den Mitwirkenden als „Bhaltis“ auf Musik-Kassette überreicht worden und lief später noch einige Male im Radio Beromünster.

Der Ruesser auf Kassette 1976Der Ruesser auf Kassette 1976 Cover

Und just an diesem Preistrommeln ist auch von einem 1. Ehrenpreis des Noldi Ringli von 1912 die Rede, welchen die Sans Gêne dort stolz präsentiert hatten. Einen Preis, den Noldi als 22-jähriger namentlich für die Clique BMG errungen haben dürfte, wenn man Ruedi Ringlis Worten folgt:

Är isch Gründigsmitlig vo dr BMG (*1907) gsi … und nochhhär ischr bi de Alte Stainlemer (*1912) gsi. Und bi dene unde im Käller hängt no e Fotti vo ihm, wo me ka go aluege.

Und wer war ebenfalls bei den Alten Stainlemer? Man ahnt es: Bolo. Und zwar so ziemlich von Anfang an. Lediglich 6 Jahre nach deren Gründung wurde er als Aktivmitglied aufgenommen, wie eines der ersten Protokollbücher einer GV der alten Stainlemer von 1918 verrät:

alti stainlemer protokoll auszug bolo 1918

In diesem Protokoll findet sogar noch Ernst Julius Ringli, Noldis Bruder, seine Erwähnung, als es darum geht, nach den stillen Kriegsjahren wieder etwas Pfeffer in die Cliquenaktivitäten zu bringen und vorallem zu erreichen, dass die Cliquen wieder in den Strassen spielen durften (was während dem 1. Weltkrieg bis und mit 1919 verboten war):

alti stainlemer protokoll auszug ernst ringli 1918 small

Karl Gehrig ist nicht für das fleissige Üben. Ernst Ringli tritt dagegen energisch für das jeweilige Mitmachen an dem Monstre-Trommelkonzert ein, das verschaffe uns Ansehen.

Und mitgemacht wurde am „Drummeli“ 1918, und wie!
Zum Tod des „Tambourmaître par excellence“ Paul «Bolle» Leder schrieb Bolo damals einem Nachruf, in welchem er als Einstieg vom Monster Trommelkonzert 1918 berichtete. Bolle Leder und sein Meister Arnold Ringli hätten damals das Publikum mit der ersten dokumentierten „Einhändertagwacht“ in der Basler Trommelgeschichte zu Standing Ovations hingerissen:

in memoriam paul leder

Eine Trommel, ein Marsch, zwei Tambouren, je eine Hand. Einhändertagwacht Arnold Ringli und Paul Leder am Monster Trommelkonzert 1918.

Die Einhänder-Tagwacht bestätigt ebenfalls das Jahres-Protokoll der Alten Stainlemer aus dem Jahre 1918:

protokoll 1918 einhändertagwacht a. ringli p. leder

Ebenfalls durch ein Protokoll (von 1919) der Alten Stainlemer bestätigt werden kann Noldis Position in der Jury des Preistrommelns:

protokoll 1919 jury a. ringli

Christian Zingg, studierter Historiker und langjähriges Aktivmitglied der Alten Stainlemer, konnte uns ausserdem folgendes aus dem Buch Trommeln und Pfeifen in Basel von 1985 extrahieren:

Auf S. 51 steht, Noldi habe das Trommeln ebenso wie Carl Dischler, Emil „Mix“ Hug und Joseph Wintzer (alles Trommelpioniere aus den ersten Jahrezehnten des 20. Jahrhunderts) beim bekannten Elsässer Trommellehrer Charles Schmitt in Binningen gelernt.

Doch nochmals zurück zum Nachruf Bolos über Paul Leder. Den Schlüsselabschnitt, den wir in dieser Recherche zu finden hofften, finden wir in der zweiten Spalte ganz unten:

ringli leder ruesser

Und damit haben wir unseren endgültigen Beweis: Arnold Ringli und kein anderer ist der Ruesser, als der er vom Ruesserschreiber selbst in einer öffentlichen Publikation bezeichnet wurde.

Heureka!