Dr letscht Mittwuch Morgestraich

Fasnachts-Dienstag 1926. Spätabends sitzt eine Handvoll Fasnächtler in einer illustren Zech-Runde irgendwo in einer Kleinbasler Spelunke und entdeckt einen Schreibfehler im Basler Kantonsblatt. Das Polizeidepartment erwähnt dort in einem amtlichen Informationsschreiben, dass das Trommeln am Montag und Mittwoch (!) ab 4 Uhr gestattet sei. In den Fasnächtlern wächst ein irrwitziger Plan heran, dies als Aufforderung zu zivilem Ungehorsam zu verstehen …


Die historischen Hintergründe

Das Wissen darum dürfte sich längst verflüchtigt haben, aber ja, früher gab es tatsächlich zwei „Morgestraich“ an der Basler Fasnacht. Einen am Montag Morgen, wie wir ihn heute noch immer kennen, aber ebenfalls einen zweiten am Mittwoch Morgen, ebenfalls um 04:00.

Im obigen Hörspiel wird dies ab Minute 5:41 beschrieben und zudem auch, weshalb der Mittwuch Morgestraich abgeschafft wurde.

Das Leid war dasjenige vieler heutiger Kulturveranstaltungen, welche, wie damals wohl auch noch die Fasnacht, nicht den Vorzug einer „unantastbaren Tradition“ genossen: Innenstadt-Bewohner reklamierten wegen dem Lärm, der ihnen während den „drey scheenschte Dääg“ gleich zwei schlaflose Nächte bescherte. Energiezehrend waren diese natürlich ebenfalls für die Fasnächtler, besonders diejenigen, die tagsüber noch ihrer Arbeit nachgehen mussten. Denn obwohl der zweite Morgenstreich fakultativ war, war es „Bebbi-Ehresach“ dabei zu sein. Erschwerend dazu kam auch sicherlich, dass Cliquen, die ihn ausliessen, vom Basler Fasnachts-Kommitee weniger Subventionen erhielten.

Aufgrund dieser Probleme handelte das Fasnachtskomittee irgendwann einen Deal mit dem Polizeipräsidium aus, wonach man statt wie bisher (20:00 Uhr) nun neu bis 22:00 musizieren durfte, wenn man den Mittwoch Morgenstraich dafür fallen liess.

Als Jahr für diesen Kuhhandel wird auf altbasel.ch das Jahr 1912 genannt:

Zwei Morgenstreiche pro Fasnacht

Am Morgenstreich von Samuel Bell 1833 waren auch Kinder beteiligt. Jakob Christoph Pack (1768-1841) berichtete, dass ihnen an diesen Montag das Trommeln verboten gewesen sei. Daher lärmten sie mit Klapperinstrumenten, um den Morgenstreich im Gang zu halten. Jedoch hätten die Kinder am Mittwoch die Trommeln rausgeholt, und den Morgenstreich wie gewohnt geschlagen.
Diese Erwähnung belegt, dass es damals üblich war, den Morgenstreich sowohl am Fasnachtsmontag wie auch am Mittwoch, dem letzten Fasnachtstag durchzuführen. Die Chronik des Basler Jahrbuches nennt indirekt und direkt einen zweiten Morgenstreich. 1891 und 1896 ist die Rede von einem „Montag-Morgenstreich“, was darauf hinweist, dass es noch einen anderen gab.
Konkret wird für 1900 erwähnt, dass der Mittwochnachmittag lebhafter gewesen sei, als es die Stille am zweiten Morgenstreich hätte erwarten lassen. 1912 erlaubte die Polizei neu das Trommeln an Montag und Mittwoch bis 22.00 Uhr, wofür aber nun der zweite Morgenstreich am Mittwoch gestrichen wurde. Der Morgenstreich zum Fasnachtsauftakt überlebte als einziger der beiden.

Hörspiel-Faktencheck

Im Hörspiel ist lediglich von „früher“ die Rede in Bezug auf den Mittwoch Morgenstreich resp. dessen Verbot. Da das Stück an der Fasnacht 1926 spielt, ist das Jahr 1912 damit durchaus legitim. Später aber eröffnet sich uns ein inhaltlicher Widerspruch im Stück selbst. Glaubt man der Jahreszahl 1912, so macht das Nichtwissen dieser jungen Fasnächtler resp. deren Erstaunen über diese vergessene Tradition des „Mittwuch Morgestraich“ noch Sinn. Nimmt man aber die Aussage ernst, nach welcher der Fehler im Kantonsblatt durch „Schablone-Arbet“ entstanden war („wie alli Joor“), also durch Kopieren des Textes der Vorjahre und alleiniges Abändern des Datums, müsste man mutmassen, dass die Abschaffung erst wenige Jahre zurückliegt. Das lässt dann aber das oben erwähnte Unwissen der Fasnächtler bezüglich dem Mittwoch Morgenstreich und die Erwähnung des „früher“ unsinnig erscheinen.

Glücklicherweise liegt uns Beweismaterial in Form des Basler Kantonsblatts vom 5. März 1927 vor (aus Bolos Nachlass), in welchem diese Falschinformation des Polizeidepartments vom Autor selbst markiert wurde:

Mittwuchmorgestraichfehler
Die originale Inspiration und Legitimierung für „Dr letscht Mittwuch Morgestraich“ – ein kleiner Fehler im Basler Kantonsblatt von 1927

Dies legt den Schluss nahe, dass a) der Aufhänger für das Stück tatsächlich Fakt ist und b) dass der besagte „Letscht Mittwuch Morgestraich“ folglich an der Fastnacht 1927 stattgefunden haben musste, denn nur an dieser konnte einmalig davon Gebrauch gemacht werden. Auch naheliegend ist allerdings, dass der Fehler womöglich anders zu Stande gekommen sein musste als durch die erwähnte „Schablonen-Arbeit“, auch wenn dies ungeachtet des historischen Hintergrundes ein logisch naheliegender Schluss gewesen wäre. Wir wissen also nicht weshalb der Fehler passierte, aber immerhin dass er passierte. Und zwar im März 1927.

Dass das Stück inhaltlich autobiographisch ist, ist offensichtlich, lautet der Name des Hauptakteurs doch „Ruedi“ und der seiner Frau „Elsy“. Wann Bolo das Stück genau verfasst hatte, liegt der Redaktion zum gegebenen Zeitpunkt allerdings nicht vor, möglicherweise aber 1927. Weshalb er dessen Handlung dann im Jahr 1926 platzierte, bleibt allerdings mysteriös. Buchen wir das bis auf Weiteres mal unter „künstlerische Freiheit“ ab.

Verbotskultur par excellence

Hier als Schmankerl noch das gesamte Kanstonsblatt vom 5. März 1927 mit den Fasnachtsverordnungen auf den Seiten 3 bis 5, welche echt unterhaltsam zu lesen sind:

Basler Kantonsblatt 1927 - Inspiration für dr letscht Mittwuch Morgestraich

 

Wenn man sich diese „anständigen“ Kleidervorschriften, die Androhung einer Anzeige (sollte man es wagen einen „religiösem Kultus“ der Lächerlichkeit preiszugeben) oder die Kneipen-Sperrstunden für Kinder vor Augen führt, kriegt man einen wagen Eindruck davon, wie überrreguliert und restriktiv die Zeiten damals für Fasnächtler waren – und wie offen sie dagegen heute sind.