Mer pfyffe uff dr Mond

Ein Bildband zur Basler Fasnacht 1970 von Peter Schnetz mit einem Vorwort von Bolo.
Tor-Verlag Zu Basel. Basel 1970.  => swissbib-Link


KEIN Fasnächtler ist, wer die Fasnacht das ganze Jahr über im Munde führt. KEIN Fasnächtler ist, wer meint, ein Kostüm und eine Larve erlaubten ihm all das, was er ohne diese Schutzhüllen nie wagen wurde. KEIN Fasnächtler ist, wer meint, weil er gut trommelt oder pfeift, sei der Rest der Fasnacht nur noch Begleitumstand. KEIN Fasnächtler ist, wer etwa als Guggenmusikant meint, er brauche auf das eigentliche «Herz der Fasnacht» (die Cliquen-Ensembles) keine Rücksicht zu nehmen. KEIN Fasnächtler ist, dessen Wagendasein sich aus dem Orangenbengeln und regelmässigen Damenbelästigungen zusammensetzt. KEIN Fasnächtler ist, wer dem Zweizeiler entspricht: «Spilsch an dr Fasnacht gärn dr Hirsch/ Und gohsch doch nur als Bogg uff d’Pirsch!» KEIN Fasnächtler ist der Tambour, der allein oder mit einem Piccoloministen einsame Pfade wandelt und als Begründung betont, die ganze heutige Fasnacht sei ein Scheibenwischen – solche eigenbrödlerischen Nabelbetrachter würden sich in ihrer Selbstüberschätzung in keiner Gemeinschaft wohlfühlen, weil sie zu überzeugt sind, die einzigen echten Fasnächtler zu sein. Mit dem selben Grössenwahn könnte man sämtliche Vereine und Feste als Humbug bezeichnen. KEINE Fasnächtler sind aber auch jene Cliquenmitglieder, die nicht wissen, dass im ersten Juntenrössler unter Umständen mehr Fasnächtlergeist stecken kann als im besten Tambour «hinde linggs»! Und KEINE Fasnächtler sind auch alle jene Zeitgenossen, die nicht wissen, dass jede Clique wichtig ist, nicht nur die eigene!

Wer ist demnach ein Fasnächtler? Ein Basler (Ausnahmen bestätigen die Regel), der klar erkannt hat, dass einzig und allein das Zusammenspiel sämtlicher Fasnachts-Elemente unsere Fasnacht ausmacht! Diese Elemente sind – gleichrangig! – spiritueller, optischer und akustischer Natur: Die Ideenfülle der Sujets, der kostümliche Farbenwirbel rund um die Laternenpracht und die (bescheiden gesagt) unvergleichliche und einmalige Kunst unserer Tambouren zu den jubelnden Harmonien unserer Piccolo-Artisten … das ergibt im «Reagenzapparat Auge-Ohr-Herz» zusammen jenes Seligkeitsgefühl, das dem Basler alljährlich die Fasnacht zum Höhepunkt seines Daseins werden lässt. Und wenn diese Seligkeit sogar ein schlichter Zivilist zu empfinden fähig ist, dann ist auch er ein guter Fasnächtler. Verlachen wir also getrost die Fanatikerweisheit, wonach ein Zuschauer kein Fasnächtler sein könne: Er kann der Bessere sein als ein Aktiver mit einer Wut unter der Larve. Verzeihen wir aber auch allen, die über die diesjährige Plakette und ihr unbaslerisches Motto erbost waren. Ihrer harrt die Aufgabe, zu verhindern, dass dermaleinst vielleicht sogar die Entdeckung des Krebs-Erregers zum Plakettensujet werden könnte. Denken wir lieber an den Jagdhund und die Zecke … und schauen wir zu, dass kommende Fasnächtler-Generationen nicht zweifelhaften Neuprägern gutes Altbewährtes opfern. Tradition im Fortschritt – die Parole soll gelten! Möge dieses Buch wohldosiert darüber berichten.

Basel. Am Monschterbeginn 1970.

Bolo.


Dieses Vorwort thematisiert einen wichtigen Teil in Bolos Leben: Die Basler Fasnacht.

Im Vorwort zur zweiten Auflage des „Ruessers“ weiss Heinrich Kuhn über Bolos Bezug zur Fasnacht zu berichten:

Artisten und Kabarettisten, das war seine Welt. Die Basler Fasnacht aber war seine Hauptspezialität. Vom Fenster des Depeschenbüros aus, im „Haus zum Gold“, dem seinerzeitigen Sitz der National-Zeitung am Markstplatz, hämmerte er jeweils den ganzen Bericht über die Strassenfasnacht primavista in die Schreibmaschine. Dass er die Trommel- und Piccolomärsche nicht nur kannte, sondern auch selbst die Kunst des Trommelns und des Pfeifens übte, machte ihn zum kompetenten Rezensenten u.a. des Monster Drummeli im Küchlin. Die Cliquen nahmen seine Kritik nicht immer widerspruchslos hin und so konnte es nicht fehlen, dass er eines Tages selbst zum Fasnachts-Sujet wurde (Dr Bolo vor em Richter). Als guter Fasnächtler reagierte er gelassen und mit Humor auf die maskierte Intrige.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Bolo herausnahm, im Vorwort zu Mer pfyffe uff dr Mond pointiert und mit scharfer Zunge ein Bild des „echten“ (oder eben nicht echten) Fasnächtlers zu zeichnen, das seine ablehnende Haltung gegenüber allem aufgesetzten, elitären aber auch primitiven Verhalten an der Fasnacht widerspiegelte. Eine Ode an die offene, tolerante, gemeinschaftliche Fasnacht.