Heute heissen wir den ersten Gast-Referenten auf Bolos Webseite herzlich willkommen! Thomas Waldmann, seines zeichens früherer BaZ-Redaktor, wird uns erzählen, was seinen aus Österreich stammenden Vater und Schauspieler Egon Waldmann mit Bolo und Basel verbindet.
Wagner und Waldmann gemeinsam auf der Bühne
Humor im Cabaret Gambrinus
Da ist der Bonvivant-Komiker Waldmann, sauber in der Conférence und charmant wie immer. Seine erstaunliche Begabung zeigt er aber am schönsten im Zusammenwirken mit (…) Wagner. (…) eine der erfolgreichsten und amüsantesten Duettisten-Nummern der letzten zehn Jahre hiess doch Meller&Wagner? D i e s e r Herr Wagner ist das. Meller ist nicht mehr dabei (er soll über den grossen Teich geschwommen sein). Dass Erstaunliche ist nun, dass Waldmann seinen Vorgänger glatt ersetzt; was das heisst bei der für solche Nummern erforderlichen gesanglichen und textlichen Eingefuchstheit, mag der Kenner ermessen. Mit einem Wort: Man wird in der erfreulich kühlen «Gambrinus»-Klause durch ein Programm von zwangloser Nummernfolge gut unterhalten… B..o.
(National-Zeitung, Basel, 29. Juni 1938)
Rudolph «Bolo» Maeglin schrieb in den 1930er- und 1940er Jahren für die «National-Zeitung» Kritiken über Varieté- und Schauspielauffführungen im heute nicht mehr existierenden Gambrinus an der Falknerstrasse 35, im Clara-Varieté und im Küchlin-Theater. Dafür benützte er das Kürzel «B..o.» Entdeckt habe ich dies jüngst bei Recherchen für ein Buch über das Leben meines Vaters, des Schauspielers Egon Waldmann, in denen ich auf den hier gekürzt wiedergegebenen Artikel stiess, sowie auf weitere Rezensionen mit dem gleichen Kürzel. Bolos Enkel, Lukas Maeglin, konnte die naheliegende Bedeutung des Kürzels bestätigen: «B..o.» ist Bolo Maeglin.
Egon Waldmann 1938 vor dem Konzerthaus Gambrinus
Egon Waldmann kam als jüngster Sohn einer jüdischen Familie in Wien 1902 zur Welt. Nach der Matura wurde er zuerst Bankbeamter, nahm aber heimlich Schauspielunterricht neben dem Studium. Ab 1925 reüssierte er an verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich als jugendlicher Komiker in klassischen Lustspielen, Tenorbuffo in Operetten und Revue-Tänzer, sowie als Regisseur. Als die ihm vertraute Welt durch den Nationalsozialismus 1933 und schliesslich nach dem «Anschluss» Österreichs 1938 zusammenbrach, flüchtete er in die Schweiz. Mit einem gerade noch gültigen österreichischen Pass und einem Arbeitsvertrag für Revue-Aufführungen in Bern und Basel fuhr er mit dem Zug von Wien nach St.Gallen – am 14. März 1938. Am 15. März, als Hitler auf dem Heldenplatz in Wien eine Rede hielt, war Waldmann bereits in der Schweiz. Einen Monat später hätte er ein Visum gebraucht, und die Einreise wäre viel schwieriger gewesen.
Nach der Revuepremiere eines Programms mit dem Titel «Küsse im Frühling» in Bern kam er nach Basel. Vom 18. bis 30. April trat er im Gambrinus auf. Und Bolo Maeglin schrieb schon damals:
Wichtig ist lediglich, dass es sich um eine W i e n e r R e v u e handelt. Um eine Wiener Revue aus Österreich. Das ist, mit Verlaub, schon eine gute Empfehlung, denn wer weiss, was wir inskünftig als «Wiener Revue», zackzack, rührt Euch, Kerls, vorgesetzt bekommen werden. (Zum Ensemble hat sich einer) gesellt, der die richtige Mischung (…) hat: Egon Waldmann. Er tanzt, er singt, er klopft Sprüche, er macht alles mit, was kommt, und er ist in allem so vergnüglich, dass man sich dieses Zuwachses herzlich freut. Zuwachs? Na, ja: was damit gemeint ist, das weiss jeder, der vor ungefähr Monatsfrist die erste Revue dieses Ensembles im Gambrinus gesehen und dabei einen reizenden Abend erlebt hat. Nun sind sie schon mit der zweiten Revue gekommen; ihr Spielfeld ist ja nicht mehr so gross. Sind sie deshalb heimatlos geworden? Ich glaube nicht; sie haben das Zeug, sich eine neue Heimat zu schaffen – in den Herzen aller jener, die Wien, die Österreich gern gehabt haben. (…) B..o.
(National-Zeitung, Basel, 22. April 1938)
Mit feiner Intuition und Spürsinn nahm Bolo damals wahr, wie bedeutsam der Auftritt in Basel für Egon Waldmann gewesen sein muss – fern von der Heimat, aber in Sicherheit. Der Wiener Schauspieler schuf sich tatsächlich nach und nach eine neue Heimat. Trotz allerhand Schwierigkeiten während der Zeit des Krieges und als Emigrant schlug er sich durch, trat jahrelang mit seinem Duopartner Moritz Wagner in verschiedenen Städten auf und spielte nach einem Lageraufenthalt 1939 mit dem Volksschauspieler Rudolf Bernhard und schliesslich ab 1941 am Städtebundtheater Biel-Solothurn, in Luzern, in Winterthur und Chur. 1951 heiratete er in Winterthur. Ab 1953 trat er regelmässig als Gast in Egon Karters «Komödie Basel» auf, ab 1960 dann als festes Ensemblemitglied, als er mit seiner Familie nach Allschwil zog.
Waldmann als Musiker Weyring in Schnitzlers «Liebelei»
Zu seinen wichtigsten Rollen gehörten der Truffaldino in Goldonis «Der Diener zweier Herren», Harpagon in Molières «Der Geizige», Menelaus in Offenbachs «Die schöne Helena», der dicke Vetter in Hofmannsthals «Jedermann» in der Freilichtaufführung vor dem Basler Münster, der alte Musiker Weyring in Schnitzlers «Liebelei». Als Regisseur inszenierte Egon Waldmann auch die ersten Märchenaufführungen am Theater Fauteuil von Roland Rasser. Er lebte und wirkte, auch noch in der Ära des Theaterdirektors Werner Düggelin, bis zu seinem Tod 1972 in Basel.
Ob er seinen ersten Rezensenten in Basel, Bolo Maeglin, je privat kennengelernt hat, ist ungewiss. Gelegenheit dazu dürften sie gehabt haben. (tw)
Waldmann als Dicker Vetter in Hofmannsthals «Jedermann»
National-Zeitung 18., 19. und 29. Juni 1938
Wagner und Waldmann
National-Zeitung 22.4.1938
Wagner und Waldmann
National-Zeitung 19. Mai 1938
Waldmann als Musiker Weyring in Schnitzlers «Liebelei»