Bolo und die Fasnacht

Die Frage, was Bolo in der Welt der Fasnacht damals alles gemacht hat, ist eigentlich verkehrt herum gestellt. Vielmehr sollte gefragt werden, was er im Bezug auf die Fasnacht nicht gemacht hat. Im Gesamtbild seines künstlerischen Schaffens wird recht schnell klar, dass die Fasnacht eine überaus zentrale Rolle in seiner Welt einnahm, und so nahm er umgekehrt eine ebensolche Rolle in der Welt der Fasnacht ein.

Vor seiner Zeit bei der Märtplatz-Clique, zu deren Gründungsvätern er 1923 selbst gehörte (und zu deren 40. Jubiläum er 1963 ein Gedicht verfasste), war er als Tambour bei der Clique Alti Stainlemer, in welcher u.a. auch Trommelmeister wie ein Noldi Ringli, eine leibhaftige Vorlage zum «Ruesser», logierten. Dort war er 6 Jahre nach deren Gründung zusammen mit seinem Bruder Max, wie eines der ersten Protokollbücher einer GV der alten Stainlemer von 1918 verrät, als Aktivmitglied aufgenommen worden:

alti stainlemer protokoll auszug bolo 1918

Bolo war nicht einfach nur ein aktiver Fasnächtler, der das Trommeln, Pfeifen und Schnitzelbänkeln aktiv betrieb, sondern ist als Auftragsschreiber für etliche Werke, u.a. auch von anderen Interpreten, verantwortlich zu machen. Alleine für die Märtplatz-Clique verfasste er beinahe 50 «Fasnachtszeedel». Die Zeedel von 1925-1972, ein Jahr vor Bolos Tod, wurden ihm anlässlich des 50. Jubiläums der Märtplatz-Clique als gebundenes Büchlein geschenkt.

Auch für andere Cliquen, z.B. den Stamm der Spale-Clique, schrieb er von 1932 bis 1962 ganze 30 Zeedel (Quelle: «Juni Jubi» Heft von 2002) und war auch nicht abgeneigt, anderen das Zeedelschreiben und «Värslibrinzle» beizubringen, wie eine eine Anekdote von W. Laubi wunderschön beschreibt:

Är het mr nit numme s rächt Baseldytsch byybrocht (me sait Nonne, nitt Nunne, wies d Ignorante vo dr Dalbe saage! – Me sait uff kai Fall „liebe“, sondern „gärn haa“. – Me schrybbt baseldytsch Kunscht, nitt Kunst; aber stoo, nitt schtoo! Waisch worum?). Au d Rhythmik und dr rächt Ryym het er mi glehrt. S wichtigscht aber isch fir dr Bolo d Fantasie gsi. „De darfsch nie schryybe, wie s isch, sondern wie Du dir s vorstellsch, de muesch ibertryybe und karikiere! Wenn s Baseldytsch ächt isch, isch d Rächtschrybig nit wichtig. Au im Goethe isch d Orthografie Privatsach gsi.»

Auch für die Gaiferi-Clique, die von seinem Sohn Urs 1965 gegründet wurde und bis 1994 Bestand hatte, schrieb er bis zu seinem Tod 1973 sämtliche Zeedel.

Daneben sind der Redaktion folgende «Zeedel» aus seiner Versschmiede für weitere Cliquen mit teils hand-, teils maschinengeschriebenen Originalmanuskripten vorliegend:

  • Fasnacht 1944: Schnuderbinggis («Willy-Lotti»)
  • Fasnacht 1946: D› Kuttlebutzer («Eduard der Schrooter»), Vereinigte Kleinbasler VKB Junge Garde («Der Tschuuwing-Gömm»)
  • Fasnacht 1950: Spale-Clique («D› Spale-Clique nimmt ’s Aidgenessisch Schitzefescht in Kur!»), Sparse-Clique (ohne Sujet), JB-Clique («A-C-Vauereie»)
  • Fasnacht 1953: Vereinigte Kleinbasler VKB Alti Garde («Der Gang nach Limmath-Canossa»)
  • Fasnacht 1954: Alt Näscht-Clique («Adieu Seibi»), Sparse-Clique («Dr Oktoberfeschtfimmel»)
  • Fasnacht 1954 : Gugge-Musik Wettstei («Abstinänte-Fimmel»)
  • Fasnacht 1957: Alti Glaibasler AGB («Hamschter-Risewälle»)
  • Fasnacht 1959: Spale-Clique («Wältruumfahrt-Akademie»), Sparse-Clique («Satellite & Rakete»)
  • Fasnacht 1958: Schnooggekerzli («Proschtpäggt»)
  • Fasnacht 1960: Amedysli («Der Sibeni-Schuelafang oder vo Wytterpfuuse kai Reed»)
  • Fasnacht 1962: Mischtkratzerli («Der «(Sch)Turmbau» vo Basel»)
  • Fasnacht 1967: Dreispitz-Clique Basel («D› Mini-Katze-Mode»)
  • Fasnacht 1970: Vereinigte Kleinbasler VKB Binggis («’s Schlachteliedli vom FCB»), Wiehlmys («’s Universali Feriejohr, kunnt dr das nit spanisch vor?»)
  • Undatiert (vermutlich aber Fasnacht 1930): Schnuurebegge («Züri-Zoo»)

Man sieht schon nur anhand dieser (vermutlich unvollständigen) Beispiele, dass zusammen mit den alljährlichen Zeedeln der «Märtblätzler», «Spalemer» und «Gaiferi» nicht selten im selben Jahr mehrere Zeedel gleichzeitig schrieb, egal ob für Binggis oder Alte Garde. So kann es durchaus vorkommen, dass man gar zwei verschiedene Zeedel über dasselbe Sujet schreiben muss (siehe Fasnacht 1959 zum Thema Raumfahrt, kurz nachdem die sowjetische «Lunik 2» als erste Raumsonde den Mond erreichte).

Als Schnitzelbänkler schrieb er nicht nur Verse nur für seine eigenen Auftritte, sondern auch für etliche (u.a. Comité-) Bänke wie den «Perversarelin» (1946), «Alti Nussknacker» (1950), «Alti ABC-Clique» (1950), «Giftnudle» (1956), «Dr Bebbi» (1956), «Narrecomité Wälscherohr» (1962), «Vier vo Bämpel»
Anm. d. Red: die Jahreszahlen markieren lediglich die der Redaktion vorliegenden Manuskripte für diese Bänke. Vermutlich waren es deutlich mehr. Unter den obigen beiden Links zum Schnitzelbank-Comité finden sich ebenfalls Hörbeispiele.

Viele weitere Schnitzelbänke schrieb er als Auftragsarbeiten für Geburtstage, Firmenanlässe oder Festspiele. Das Schmieden dieser eher einfachen «Wegwerf-Lyrik» dürften ihn zwar nicht mit derselben Genugtuung erfüllt haben, wie dies das Verfassen eines echten Basler Fasnachts-Schnitzelbank vermag, jedoch stellte dies für ihn als nie übermässig betuchten Schriftsteller eine willkommene Zusatzeinnahmequelle dar. Ein schöner Zeitzeuge ist ein Brief der «Grossgarage Letzigrund AG» von 1962, in welchem ihn ein Heimwehbasler um einen Satz Verse für deren Schlussabend anheuerte.

Wie das lief, sehen wir anhand eines Beispiels. So schreibt der Antragssteller beispielsweise über den Mitarbeiter Titus H., der nach einer Vasektomie gewisse «Auffälligkeiten» im Arbeitsrythmus zeigte:

Titus ist ein kleiner und zaghafter, jedoch spitzfindiger Autoverkäufer (VW). Hat Familie mit 3 Kindern. Hat sich kurz vor Weihnachten operieren lassen um sich dem «Familienspiel» gefahrlos hinzugeben. Alles klappt 100%ig, doch seit dieser Zeit kommt er jeden Morgen zu spät ins Geschäft.

Bolo hatte nun aus diesen Informationen einen einigermassen originellen Vers zu schustern, was zugebenermassen bei obigem Vertreter keine Herkulesaufgabe war. Das Ergebnis war das folgende:

In Sache Sexappeal famos
Isch unsere kleine TITUS gross
Hätt ihm dr Schah d› Soraya gschickt
Hätt gly e Buschi d Wält erblickt!

Är hett d› «Mechanik» ändere loh –
Jetz kan är ohni Risiko
Zue syner «Titusperle» goh
Und … all Tag z› spot in d› Bude ko!

Dankbarere Aufträge waren sicherlich jene für Basler Fasnachts-Grossanlässe, so etwa für den Schnitzelbank-Presseball 1942:

Schnitzelbank Presseball 1. Vers
Ganzes Dokument ansehen

Im folgenden haben wir ein interessantes Dokument von 1935 vorliegen, in welchem ein Herr vom Schnitzelbank-Comité Bolo für sein ausgezeichnetes Mitwirken bei den Comité-Schnitzelbänken in jenem Jahr dankt, sowie verspricht, ihm neben dem geschuldeten Honorar ausserdem anlässlich seiner bevorstehenden Hochzeit eine «dauernde Erinnerung» für seine bisherigen Leistung für das Schnitzelbank-Comité zukommen zu lassen.

Dankesschreiben des Schnitzelbank-Comités von 1935

Neben Schnitzelbänken und Zeedeln schrieb Bolo unzählige Reden, Sketche, Dialoge und Lieder für Vorfasnachts-Veranstaltungen, Revüen, Kabarettstücke u.v.m. für und über die Fasnacht. Nicht zu vergessen seine vielzähligen Fasnachtsgedichte, allen voran das (Basler) Credo.

Zentral für den Fasnachtsmythos der späten 50er Jahre war seine preisgekrönte Fasnachtsnovelle Der Ruesser von 1957, welche 1959 vom Schweizer Radio DRS als Hörspiel und 1976 von Hans Guldemann im Auftrag der Sans Gêne Clique als Hörbuch mit der Stimme von Ruedi Walter vertont wurde. Seit der Fasnacht 2022 sind diese beiden Aufnahmen zusammen mit dem ebenfalls von Bolo geschriebenen Schweizer Radio DRS-Hörspiel Dr letscht Mittwuch Morgestraich als 3-fach-CD unter dem Projektnamen Rudolph «Bolo» Mäglin bei Bider & Tanner erhältlich.

Im Vorwort zur zweiten Auflage seiner Fasnachtsnovelle Der Ruesser weiss Heinrich Kuhn desweiteren über Bolos Bezug zur Fasnacht zu berichten:

Eine Monstre-Drummeli Rezension von Bolo 1934

Artisten und Kabarettisten, das war seine Welt. Die Basler Fasnacht aber war seine Hauptspezialität. Vom Fenster des Depeschenbüros aus, im «Haus zum Gold», dem seinerzeitigen Sitz der National-Zeitung am Marktplatz, hämmerte er jeweils den ganzen Bericht über die Strassenfasnacht primavista in die Schreibmaschine. Dass er die Trommel- und Piccolomärsche nicht nur kannte, sondern auch selbst die Kunst des Trommelns und des Pfeifens übte, machte ihn zum kompetenten Rezensenten u.a. des Monster Drummeli im Küchlin.
Die Cliquen nahmen seine Kritik nicht immer widerspruchslos hin und so konnte es nicht fehlen, dass er eines Tages selbst zum Fasnachts-Sujet wurde («Dr Bolo vor em Richter»). Als guter Fasnächtler reagierte er gelassen und mit Humor auf die maskierte Intrige. […] In seiner hintergründigen Novelle [Der Ruesser] erzählt Bolo von einem fasnachtsbesessenen Basler Original.

Bolo an der Basler Fasnacht als Sujet («Dr Bolo vor em Richter»)

Er selbst war ein solches, mit seinem Basel verwachsenes Original, das um die Geheimnisse und Seltsamkeiten der alten Rheinstadt wusste. Diesem Wissen verstand Bolo Ausdruck zu geben im Ruesser und in vielen Mundartgedichten wie z.B. Dr Knuschti und sy Bach.

Bolos spitze Feder war bekannt wie gefürchtet. Nachdem bei einem Preistrommeln und -pfeifen 1932 die Crème de la Crème der aktuellen Trommlerschaft (mit Fritz Berger und Hans Häfelfinger in der Jury) ihre modernen, virtuosen Kunstfertigkeiten zum Besten gegeben hatte, schrieb Bolo in der National-Zeitung, er sei trotz „glänzendem Verlauf“ unzufrieden, weil zuviel Wert auf die schulmässige «Neue Basler Tagwache» sowie auf zu schnelles und artistisches Trommeln gelegt worden sei.
Quelle: Die Basler Fasnacht – Geschichte und Gegenwart einer lebendigen Tradition S. 196

Wir sehen also: Er nahm nicht nur als aktiver Fasnächtler und Künstler sondern ebenfalls beruflich als Rezensent des Monster Drummeli, vielen Vorfasnachtsveranstaltungen, dem offiziellen Preistrommeln und nicht zuletzt als Verfasser vieler Fasnachtsbeiträge – insbesondere des alljährlichen Fasnachtsquerschnittes – in der damaligen National-Zeitung eine äusserst zentrale Rolle ein. Nicht verwunderlich, nutzte man sein Konterfei an einer Fasnacht sogar einmal als Tambourmajor-Larve («Dr Bolo vor em Richter») und brachte so den «Richter über die Fasnacht» selbst einmal vor Gericht.

Als letztes Schreiberlingswerk, das wir zum Thema «Bolo und die Fasnacht» noch präsentieren möchten, um den Umfang seines fasnächtlichen Schaffens abzurunden, folgt hier nun noch die Einleitung zu Bolos Fasnacht à la Bâloise. Jener Text ist ein historischen Absriss über die Fasnacht, den man Bolo in den 40er-Jahren für die National-Zeitung zu verfassen beauftragt hatte. Bolo beweist darin nicht nur seine typisch spitze Feder, sondern auch die urbaslerische Tugend, allzu überschwängliche Selbstbeweihräucherung mit einem herabwürdigenden Schmunzeln zu goutieren:

Es gehört für den echten Basler zum Vergnüglichsten, was ihm passieren kann, wenn ihm gelegentlich fremde Blätter mit ernst gemeinten Abhandlungen über die Basler Fasnacht unter die Augen kommen. Dann kann der besagt Basler, wenn dem jeweiligen Autor nicht ein erfahrener Fasnächtler als Gewährsmann zu Gevatter stand, sich zumeist auf viel blühenden Unsinn gefasst machen. Fasnachts-Fanatiker, deren Zahl und Geist zum Glück klein ist, werden darüber wild (wie Weiland etwa über die Spinnereien eines Lord Arran).

Gute Fasnächtler aber, zu denen die Fanatiker nie zählen, geraten über solche Artikel ins Schmunzeln und registrieren sogar mit etwelcher Genugtuung, dass diesen Fremden die „Geheimnisse“ der Basler Fasnacht . . . geheim geblieben sind!

In einem Nachruf im Nebelspalter nannte ihn Hanns Ulrich Christen (-sten) den «Knotenpunkt des Basler Journalismus», was sicherlich auch zu einem grossen Teil seiner schier unerschöpflichen Schaffenskraft in der Basler Fasnachtsszene zuzuschreiben ist.

Bolo machte also nicht nur mit an der Fasnacht. Er «machte» Fasnacht – im wahrsten Sinne des Wortes – in einem Facettenreichtum, das heute noch seinesgleichen sucht.