Das verzweifelte Flaschenkind

Oder: Was Euer Erstes denken wird !

Da lieg ich nun und schrei mich matt,
Keine Menschenseel erwacht.
Was ist das Leben so schal und leer !
Ich hab es mir anders gedacht :
Man hat mich getauft, ich weiss nicht wie,
Man hat mich geimpft sogar,
Obwohl ich gegen das Taufen sowohl,
Wie gegen das Impfen war.
Drei silberne Löffen, die sind mein,
All mein Vermögen bis jetzt.
Wer weiss aber, wo die heute schon sind –
Sie sind gewiss schon versetzt.
Nur Milch bekomm’ ich und nichts als Milch,
Ich mag sie schon gar nicht mehr.
Keine Abwechslung im Ernährungsgang,
Niemals der kleinste Likör !
Milch, nur Milch und nichts als Milch,
Niemals ein andres Getränk !
Und die Masern stehn mir auch noch bevor,
Mich schaudert, wenn ich daran denk’ !
Und die selbe Umgebung, blöd und stumpf,
Glotzt Tag für Tag mich an.
Davonlaufen möcht’ ich ! Wehe mir,
Dass ich noch nicht laufen kann !
Das Leben ist, ich merk es schon,
Ein ewiges Einerlei :
Man wird nass – und wird wieder trocken gelegt –
O wär’ erst alles vorbei !


Anlass: Vermutlich Geburt seiner Tochter „Marly“ im Mai 1938.